PK: Prävention braucht Aufarbeitung

Sexualisierte Gewalt: Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder e.V. (BdP) startet als erster großer Jugendverband umfassenden Aufarbeitungsprozess und ruft Zeitzeug*innen auf sich zu melden.

Berlin, 1. September 2021. In Zusammenarbeit mit dem unabhängigen Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) arbeitet der BdP mögliche Fälle von sexualisierter Gewalt und die dafür verantwortlichen Strukturen zwischen den Jahren 1976 und 2006 auf. Der BdP möchte die Kultur des Schweigens mit Blick auf sexualisierte Gewalt in der Vergangenheit brechen und eine kritische Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt im eigenen Verband befördern. Der betroffenengerechte Umgang ist dabei handlungsleitend. Das bedeutet auch, Strukturen und Selbstverständnis in Frage zu stellen und diese zum Wohl der Kinder und Jugendlichen zu überprüfen.

Dazu rufen wir jetzt Betroffene und Zeitzeug*innen auf, sich beim Institut unter aufruf@ipp-muenchen.de oder vom 9. September bis 7. Oktober 2021 telefonisch unter 030-549875-51 (dienstags 11 - 13 Uhr und donnerstags 15 - 17 Uhr) bei Bernard Könnecke vom Kooperationspartner "Dissens" zu melden. Dieser Aufruf sowie das gesamte Projekt und das Studiendesign wurden heute Vormittag bei einer Pressekonferenz öffentlich vorgestellt.

„Präventions- und Interventionsarbeit sind heute unverzichtbare Säulen unserer Arbeit. Doch in unserer über 40-jährigen Geschichte ist es uns nicht immer gelungen, unsere Mitglieder vor sexualisierter Gewalt zu schützen. Wir sind der Überzeugung, dass eine gründliche Aufarbeitung dieser Fälle unsere Kinderschutzbemühungen nur stärken kann. Aufarbeitung bedeutet für uns außerdem Betroffenen die Möglichkeit zu geben, gehört zu werden und Anerkennung zu erfahren.“, so Bundeschatzmeister Marcus Lauter.

Um eine ehrliche und unabhängige Untersuchung und somit systematische Aufarbeitung zu gewährleisten, haben wir das IPP mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung beauftragt. Das Institut übernimmt die Verantwortung für das Forschungsdesign, die Auswahl der Zugänge zum Forschungsfeld, die Auswahl der Quellen, die Datenerhebung und –auswertung. Finanziert wird der Aufarbeitungsprozess aus eigenen Mitteln, vor allem durch Spenden, z.B. der Stiftung Pfadfinden, und Mitgliedsbeiträge. Im Fokus des Projekts stehen Fälle in den Jahren zwischen der Gründung des Verbands 1976 und der Implementierung von verbandlichen Präventions- und Interventionsstrukturen 2006.

Peter Caspari vom Forscher*innenteam des IPP erläutert: „Aufarbeitung heißt in vielen Fällen jahrzehntelanges Schweigen zu brechen. Wir liefern eine Datengrundlage, auf die sich die Organisation beziehen kann bei ihren Aufarbeitungsbemühungen und geben Empfehlungen, auch konkret zur zukünftigen Prävention. Wir möchten das Ausmaß und die Formen sexualisierter Gewalt klären. Wir möchten Klarheit darüber schaffen, wie es dazu kommen konnte.“ Im Zentrum des Erkenntnisinteresses stünden die Perspektiven Betroffener, denn erfahrungsgemäß geben diese die wichtigsten und aussagekräftigsten Informationen. „Bei diesen Interviews mit Schlüsselpersonen und Zeitzeug*innen sichern wir absolute Verschwiegenheit in Bezug auf persönliche Daten zu und gewährleisten Anonymität. Die interviewten Personen haben absolute Kontrolle über den Verlauf der Gespräche, so ist z.B. ein Abbruch jederzeit möglich und nur solche Fragen werden beantwortet, die die Betroffenen beantworten möchten.“, verspricht Peter Caspari.

„Wir hoffen, dass Menschen die Kraft und den Mut finden, sich beim IPP zu melden und mit ihrer Geschichte zur Aufarbeitung beizutragen.“, so Maria Venus, Bundesvorsitzende des BdP.

Ergebnisse der Studie werden Anfang 2023 erwartet. Die Zwischenzeit werden wir nutzen, um unsere Präventionsarbeit weiter zu stärken und eine breite Diskussion über den Umgang mit Betroffenen, Täter*innen und Verdachtspersonen im BdP zu führen.

Die Pressekonferenz vom 1. September kann unter folgendem Link jederzeit noch angeschaut werden: https://www.youtube.com/watch?v=l39noydzgkw.

Nähere Informationen zu Zielen des Projekts, Ansprechpartner*innen des Arbeitskreises und zur Studie gibt es unter https://www.pfadfinden.de/kinderschutz/aufarbeitung/. Der Aufruf ist in voller Länge hier zu finden: https://www.pfa.de/wp-content/uploads/2021/08/aufruf-ipp-pfadfinder-kurzversion_24.08.2021.pdf.

Nähere Informationen zur Prävention sexualisierter Gewalt im Verband heute gibt es hier: https://www.pfadfinden.de/kinderschutz/praevention-sexualisierter-gewalt/.

 

Foto: Laura Jost